Stim­men der Ver­nunft haben es schwer in Kriegs­zei­ten. Statt ihnen zuzu­hö­ren und ihre Argu­men­te zu beden­ken, wer­den sie von zu vie­len, die Real­po­li­tik für sich in Anspruch neh­men, dif­fa­miert, denun­ziert und als naiv titu­liert. Für alle, die sich mit his­to­ri­scher Spu­ren­su­che — beson­ders in der deut­schen Geschich­te — beschäf­ti­gen, ist ein sol­cher Vor­gang nicht neu. Das ändert nichts an sei­ner Unerträglichkeit.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es für mich selbst­ver­ständ­lich, den Offe­nen Brief von 28 Intel­lek­tu­el­len und Künst­lern an Bun­des­kanz­ler Scholz auch auf die­se his­to­ri­sche Inter­net­sei­te zu stel­len (erst­mals ver­öf­fent­licht von der Zeit­schrift EMMA, am 29. April 2022). Die Gedan­ken und Argu­men­te, mit denen sie ihre Sor­gen über eine Aus­wei­tung des Krie­ges auf ganz Euro­pa gel­tend machen, ver­die­nen es, ernst genom­men zu wer­den. Es ist ihr gro­ßes Ver­dienst, die Dis­kus­si­on über den Weg zum Frie­den – end­lich (!) – ein wenig offe­ner gemacht zu haben. Vor allem indem sie der Fra­ge nicht län­ger aus­wei­chen, was für ein Ergeb­nis rea­lis­tisch am Ende des Weges ste­hen könn­te. Dem Brief, der den Kanz­ler an sei­nen Amts­eid erin­nert, Scha­den vom deut­schen Volk abzu­wen­den, haben sich inzwi­schen mehr als 225.000 Mit­un­ter­zeich­nern angeschlossen.

Der Brief im Wortlaut:

Sehr geehr­ter Herr Bundeskanzler,

wir begrü­ßen, dass Sie bis­her so genau die Risi­ken bedacht hat­ten: das Risi­ko der Aus­brei­tung des Krie­ges inner­halb der Ukrai­ne; das Risi­ko einer Aus­wei­tung auf ganz Euro­pa; ja, das Risi­ko eines 3. Welt­krie­ges. Wir hof­fen dar­um, dass Sie sich auf Ihre ursprüng­li­che Posi­ti­on besin­nen und nicht, weder direkt noch indi­rekt, wei­te­re schwe­re Waf­fen an die Ukrai­ne lie­fern. Wir bit­ten Sie im Gegen­teil dring­lich, alles dazu bei­zu­tra­gen, dass es so schnell wie mög­lich zu einem Waf­fen­still­stand kom­men kann; zu einem Kom­pro­miss, den bei­de Sei­ten akzep­tie­ren können.

Wir tei­len das Urteil über die rus­si­sche Aggres­si­on als Bruch der Grund­norm des Völ­ker­rechts. Wir tei­len auch die Über­zeu­gung, dass es eine prin­zi­pi­el­le poli­tisch-mora­li­sche Pflicht gibt, vor aggres­si­ver Gewalt nicht ohne Gegen­wehr zurück­zu­wei­chen. Doch alles, was sich dar­aus ablei­ten lässt, hat Gren­zen in ande­ren Gebo­ten der poli­ti­schen Ethik.

Zwei sol­che Grenz­li­ni­en sind nach unse­rer Über­zeu­gung jetzt erreicht: Ers­tens das kate­go­ri­sche Ver­bot, ein mani­fes­tes Risi­ko der Eska­la­ti­on die­ses Krie­ges zu einem ato­ma­ren Kon­flikt in Kauf zu neh­men. Die Lie­fe­rung gro­ßer Men­gen schwe­rer Waf­fen aller­dings könn­te Deutsch­land selbst zur Kriegs­par­tei machen. Und ein rus­si­scher Gegen­schlag könn­te so dann den Bei­stands­fall nach dem NATO-Ver­trag und damit die unmit­tel­ba­re Gefahr eines Welt­kriegs aus­lö­sen. Die zwei­te Grenz­li­nie ist das Maß an Zer­stö­rung und mensch­li­chem Leid unter der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung. Selbst der berech­tig­te Wider­stand gegen einen Aggres­sor steht dazu irgend­wann in einem uner­träg­li­chen Missverhältnis.

Wir war­nen vor einem zwei­fa­chen Irr­tum: Zum einen, dass die Ver­ant­wor­tung für die Gefahr einer Eska­la­ti­on zum ato­ma­ren Kon­flikt allein den ursprüng­li­chen Aggres­sor ange­he und nicht auch die­je­ni­gen, die ihm sehen­den Auges ein Motiv zu einem gege­be­nen­falls ver­bre­che­ri­schen Han­deln lie­fern. Und zum andern, dass die Ent­schei­dung über die mora­li­sche Ver­ant­wort­bar­keit der wei­te­ren „Kos­ten“ an Men­schen­le­ben unter der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung aus­schließ­lich in die Zustän­dig­keit ihrer Regie­rung fal­le. Mora­lisch ver­bind­li­che Nor­men sind uni­ver­sa­ler Natur.

Die unter Druck statt­fin­den­de eska­lie­ren­de Auf­rüs­tung könn­te der Beginn einer welt­wei­ten Rüs­tungs­spi­ra­le mit kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen sein, nicht zuletzt auch für die glo­ba­le Gesund­heit und den Kli­ma­wan­del. Es gilt, bei allen Unter­schie­den, einen welt­wei­ten Frie­den anzu­stre­ben. Der euro­päi­sche Ansatz der gemein­sa­men Viel­falt ist hier­für ein Vorbild.

Wir sind, sehr ver­ehr­ter Herr Bun­des­kanz­ler, über­zeugt, dass gera­de der Regie­rungs­chef von Deutsch­land ent­schei­dend zu einer Lösung bei­tra­gen kann, die auch vor dem Urteil der Geschich­te Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unse­re heu­ti­ge (Wirtschafts)Macht, son­dern auch in Anbe­tracht unse­rer his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung — und in der Hoff­nung auf eine gemein­sa­me fried­li­che Zukunft.

Wir hof­fen und zäh­len auf Sie!
Hoch­ach­tungs­voll
 

DIE ERST­UN­TER­ZEICH­NE­RiN­NEN

Andre­as Dre­sen, Filmemacher
Lars Eidin­ger, Schauspieler
Dr. Sven­ja Flaß­pöh­ler, Philosophin
Prof. Dr. Eli­sa Hoven, Strafrechtlerin
Alex­an­der Klu­ge, Intellektueller
Heinz Mack, Bildhauer
Gise­la Marx, Filmproduzentin
Prof. Dr. Rein­hard Mer­kel, Straf­recht­ler und Rechtsphilosoph
Prof. Dr. Wolf­gang Mer­kel, Politikwissenschaftler
Rein­hard Mey, Musiker
Die­ter Nuhr, Kabarettist
Ger­hard Polt, Kabarettist
Hel­ke San­der, Filmemacherin
HA Schult, Künstler
Ali­ce Schwar­zer, Journalistin
Robert Seet­ha­ler, Schriftsteller
Edgar Sel­ge, Schauspieler
Ant­je Voll­mer, Theo­lo­gin und grü­ne Politikerin
Fran­zis­ka Wal­ser, Schauspielerin
Mar­tin Wal­ser, Schriftsteller
Prof. Dr. Peter Wei­bel, Kunst- und Medientheoretiker
Chris­toph, Karl und Micha­el Well, Musiker
Prof. Dr. Harald Wel­zer, Sozialpsychologe
Ran­ga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist
Juli Zeh, Schriftstellerin
Prof. Dr. Sieg­fried Zielin­ski, Medientheoretiker

Wer den Offe­nen Brief eben­falls unter­zeich­nen möch­te, kann dies auf der Inter­net-Sei­te CHANGE.ORG –> tun.

 

Die­sen Bei­trag wei­ter empfehlen: