1. Novem­ber 2022: (noch daheim)

Poly­neu­ro­pa­thie? — Vor knapp einem hal­ben Jahr kann­te ich noch nicht ein­mal das Wort. Mag sein, dass ich es schon ein­mal gehört hat­te. Aber mit mir hät­te ich es nie in Ver­bin­dung gebracht. Inzwi­schen ist es sicher, ich habe die­se Krank­heit. Was im Mai die­ses Jah­res als Ver­dacht auf­tauch­te, ist zur Gewiss­heit geworden.

Es war wie immer, wenn man wis­sen will, was einem das Leben schwer macht. Ich war nach lan­ger Rat­lo­sig­keit und lan­gem Suchen froh, als sich end­lich eine Dia­gno­se abzeich­ne­te. Es hat eini­ge Zeit gedau­ert, bis ich zu ver­ste­hen begann, was die Dia­gno­se bedeu­te­te: Poly­neu­ro­pa­thie ohne Ursa­che. Was Klar­heit schaf­fen soll­te, war jedoch der Aus­gangs­punkt für neue Unge­wiss­heit. Die Krank­heit gilt schul­me­di­zi­nisch als nicht behan­del­bar. Und genau das ist das Problem.

Rück­blen­de:

Wenn ich zurück­den­ke, war es schon län­ge­re Zeit so, dass mir das Gehen schwer fiel. Ich bin lie­ber mit dem Rad gefah­ren. Rad­fah­ren fiel mir leicht. Seit dem Beginn die­ses Jah­res begann sich grund­le­gend etwas zu ver­än­dern. Ich konn­te es anfangs noch nicht in Wor­te fas­sen. Schmer­zen, die auch vor­her schon mal da waren, wur­den stär­ker. Immer wie­der hat­te ich mit unglaub­lich har­ten ein­schie­ßen­den Schmer­zen in bei­de Füße, Unter‑, manch­mal auch Ober­schen­kel zu tun.Irgendwann hal­fen auch »nor­ma­le« Schmerz­mit­tel nicht mehr.

Eine Ärz­teo­dys­see begann. Der Haus­arzt emp­fahl die Fach­ärz­te. Der Radio­lo­ge fand kei­nen Grund für Schmer­zen, der Fuß­chir­urg war eben­so rat­los. Etwas mehr Zeit und Empa­thie brach­ten die plas­ti­schen Chir­ur­gen des Kli­ni­kums Bie­le­feld auf. Sie hat­ten mich vor eini­gen Jah­ren bei einer Wund­hei­lungs­stö­rung am Fuß behan­delt. Im Mai die­ses Jah­res waren sie die ers­ten, die in ihrer Sprech­stun­de den Ver­dacht der Poly­neu­ro­pa­thie äußerten.

Die Dia­gno­se:

Umfang­rei­che Kli­nik­un­ter­su­chun­gen im August brach­ten Gewiss­heit. Mei­ne gesund­heit­li­che Situa­ti­on war längst dra­ma­tisch ver­än­dert. Bis etwa Mai/Juni hat­te ich noch halb­wegs »nor­mal« Gehen gekonnt. Ein­ge­schränkt zwar, aber es ging. Fast ohne Ein­schrän­kun­gen konn­te ich damals noch wei­te­re Ste­cken Rad­fah­ren. Kur­ze Zeit spä­ter kam ich wegen Schwan­ken und Schmer­zen nicht mal mehr auf das Fahr­rad. Gehen war schon vor­her nur noch mit Unter­arm­geh­stüt­zen mög­lich. Stän­dig war da der Ein­druck, die Ein­schrän­kun­gen nah­men von Woche zu Woche zu.

Das Schlimms­te in die­ser Situa­ti­on war die Dia­gno­se »Poly­neu­ro­pa­thie (PNP) ohne Ursa­che«. Bei PNP auf­grund von Dia­be­tes, Alko­hol­miss­brauch, Tumor­er­kran­kun­gen usw. gibt es etwas, das behan­delt wer­den kann. Ist die Ursa­che jedoch unbe­kannt, kapi­tu­liert die Schul­me­di­zin mehr oder weni­ger. Ledig­lich eine sym­pto­ma­ti­sche Behand­lung (vor allem Schmer­zen, Ergo­the­ra­pie) fin­det noch statt. Das eigent­li­che Krank­heits­ge­sche­hen bleibt unbe­han­delt. — Das ist nur schlecht zu akzep­tie­ren, wenn man spürt, wie die Krank­heit stän­dig fortschreitet. 

Die Suche nach Alternativen …

Ein­gang der Kli­nik am Steigerwald.

Der Gedan­ke, dem eige­nen Ver­fall hilf­los zuse­hen zu müs­sen, ist für mich kaum zu ertra­gen. Die Suche nach Alter­na­ti­ven begann. So fand ich zur Kli­nik am Stei­ger­wald, eine Pri­vat­kli­nik, in der mit den Mit­teln tra­di­tio­nel­ler chi­ne­si­scher Medi­zin gear­bei­tet wird. Eine Info-Ver­an­stal­tung in der Kli­nik, ein knapp ein­stün­di­ges Gespräch mit einer dor­ti­gen Ärz­tin und auch die aus­führ­li­che Inter­net­sei­te, unter ande­rem mit Pati­en­ten­be­rich­ten fin­de ich überzeugend. 

… und die Kostenfrage

Die Kli­nik am Stei­ger­wald ist eine Pri­vat­kli­nik. Ich bin nicht pri­vat, son­dern gesetz­lich kran­ken­ver­si­chert. Mei­ne Kran­ken­kas­se hat die Mög­lich­keit zur Über­nah­me sol­cher Kos­ten zwar in ihrer Sat­zung, lehnt sie in mei­nem Fall aber bis­her ab. Die Aus­ein­an­der­set­zung dar­über ist noch nicht ent­schie­den. Sie ist sehr uner­freu­lich. Ich wer­de sie wei­ter­füh­ren, aber mei­ne PNP war­tet nicht, bis eine Ent­schei­dung fällt. Das bedeu­tet, ich muss die Kos­ten erst ein­mal pri­vat auf­brin­gen. Bei einem Tages­satz von 398,- Euro und einem Auf­ent­halt von etwa 5 bis 6 Wochen käme da schnell ein fünf­stel­li­ger Betrag zusam­men. Es könn­te sein, dass dafür das Erspar­te nicht aus­reicht. Als das klar war, fing ich an, fast nur noch in Kli­nik-Tages­sät­zen zu rechnen. 

Es hat mich sehr gerührt, dass Freun­din­nen und Freun­de die Ein­nah­men eines klei­nen Nach­bar­schafts-Floh­mark­tes für mei­nen Kli­nik-Auf­ent­halt gespen­det haben.

Es hat mich sehr gerührt,  dass in die­ser Situa­ti­on Freun­din­nen und Freun­de auf die Idee kamen, die Ein­nah­men eines klei­nen Nach­bar­schafts-Floh­mark­tes für mei­nen Klink­auf­ent­halt zu »spen­den«. Eini­ge weni­ge, die mir nahe sind, haben sogar mehr getan. Sol­che Din­ge tun unend­lich gut. Ich hat­te lan­ge mit dem Gedan­ken gespielt, einen Kre­dit auf­zu­neh­men, um auch den letz­ten Rest des Kli­nik­auf­ent­hal­tes zu finan­zie­ren. Das muss ich nun wohl nicht mehr. Dafür bin ich sehr dankbar.

4. Novem­ber 2022: (noch daheim)

Es war mir sehr wich­tig, vor mei­nem Weg in die Kli­nik noch ein­mal mein Gang­bild fest­zu­hal­ten und es auch auf die­ser Sei­te zu doku­men­tie­ren. Es gibt im Netz durch­aus vie­le Sei­te zum The­ma Poly­neu­ro­pa­thie, auf denen meist all­ge­mein über die Krank­heit gespro­chen wird. Ihr wirk­li­ches Erschei­nungs­bild ist dort so gut wie nie zu sehen. Dabei ist mir abso­lut bewusst, dass es sehr ver­schie­de­ne Ver­läu­fe geben kann.

Ich gehö­re wohl zur Grup­pe derer, die einen schwe­ren Ver­lauf der PNP haben. – Ja. es hat mich erschreckt, als ich das Video mei­nes Gang­bil­des vor der eige­nen Haus­tür sah. Dass ich jede Ele­ganz der Bewe­gung ver­lo­ren habe, war mir schon klar. Dass mein Schwin­del und Schwan­ken so hef­tig aus­se­hen, habe ich mir selbst nicht vor­ge­stellt. Da war wohl noch eine Men­ge Wunsch­den­ken dabei.

Das Video ist jetzt der Maß­stab. Wird es mög­lich sein, in der Kli­nik und danach das Fort­schrei­ten der PNP wenigs­tens erst ein­mal zu stop­pen? Viel­leicht sogar ein klein wenig Gang­si­cher­heit zurück­zu­brin­gen? Lang­sam, mit sehr viel Geduld? Stück für Stück? – Wir wer­den sehen …

5. Novem­ber 2022 (noch daheim)

Morgen stei­ge ich in den Zug in Rich­tung Stei­ger­wald. Mein Gepäck ist bereits seit Don­ners­tag auf dem Weg in die Kli­nik. Heu­te soll es eigent­lich dort ankom­men. Noch hat der Gepäck­ser­vice die Ankunft nicht bestä­tigt. Aber es ist halt ein Ser­vice der DB …;-).

Jetzt beginnt die Zeit der Abschie­de. Mit dem Gang in die Kli­nik wird sich man­ches ändern. Vor allem die Ernäh­rung. Heu­te abend war ich mit mei­ner Liebs­ten noch ein­mal im Restau­rant essen. Beim Grie­chen. Es gab gegrill­tes Fleisch, dazu roten Wein aus Naous­sa und den übli­chen Ouzo. Ja, es war lecker – und eben­falls ja, alles das steht in der TCM-Kli­nik auf dem Index. Und so geht es wei­ter mit dem Kaf­fee zum Früh­stück mor­gen, mit dem Bröt­chen und dem Käse dar­auf. Alles das und eini­ges mehr wird es für län­ge­re Zeit nicht mehr geben. Es wird sich also eini­ges ändern im Stei­ger­wald. Nein, ich freue mich nicht dar­auf, dass ich für län­ge­re Zeit in die Kli­nik gehe – und dabei ist der Ver­zicht auf bestimm­te Spei­sen noch das gerings­te Pro­blem. Aber ich bin sehr froh dar­über, dass es end­lich los geht.

Mon­tag, 7. Novem­ber 2022 (Ankunft):

Nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, aber es war nun mal das letz­te “nor­ma­le” (Hotel-)Frühstück vor mei­ner Fahrt in die Klinik.

Die Anrei­se per Bahn am Sonn­tag, mit Über­nach­tung in Schwein­furt war die rich­ti­ge Ent­schei­dung. So konn­te ich heu­te ent­spannt auf­ste­hen, noch ein­mal sün­dig früh­stü­cken und mich dann auf den Weg machen: Taxi (vom Hotel zum Bahn­hof Schwein­furt) – Lini­en­bus (von Schwein­furt nach Gerolz­ho­fen) – noch­mal Taxi (von Gerolz­ho­fen zur Kli­nik am Stei­ger­wald). Es geht auch sehr viel teu­rer nur mit einem Taxi, aber so war es ganz in Ordnung.

Mit Betre­ten der Kli­nik beginnt wie­der das Leben mit Mund­schutz. Außer mir sind zwei Frau­en neu ange­kom­men. Kaum sit­ze ich an der Anmel­dung, rollt ein Her­mes-Bote mei­nen Kof­fer her­ein. Zwei Tage spä­ter als bestellt, aber trotz­dem pünkt­lich. Das schafft auch nicht jeder. Kom­pli­ment, Deut­sche Bahn.

Von der Anmel­dung gleich wei­ter zum Arzt­ter­min. Die Auf­nah­me­ärz­tin bleibt auch mei­ne Ärz­tin für den Auf­ent­halt. Wir gehen recht aus­führ­lich mei­ne Krank­heits­ge­schich­te durch (knapp 45 Minu­ten). Mit etwas Abstand fol­gen noch ein­mal etwa 20 Minu­ten Vor­stel­lung beim Oberarzt.

Das ers­te TCM-Essen: Mit Span­nung erwar­tet, erwies es sich als lecker. Süß­kar­tof­fel-Cur­ry mit Mie­nu­deln. Hat­te ich noch nie, wür­de ich aber noch­mal nehmen.

Das Zim­mer: Freund­lich, nicht zu klein, war­me Far­ben, viel Holz, auch an den elek­trisch ver­stell­ba­ren Bet­ten, Bal­kon mit einer sehr schö­nen Fern­sicht (spä­ter mehr) kein Fern­se­her (auch dazu spä­ter mehr). Es ist wie in jeder Kli­nik, wer am längs­ten da ist, kriegt das Bett am Fens­ter. Ich schla­fe also an der Wand und das darf auch so sein.

Diens­tag, 8. Novem­ber 2022

Geweckt wird hier, sehr zivil, ab 7.30 Uhr. Der ers­te (zwei­te) Tag beginnt mit Wie­gen, Blut­druck­mes­sen und Blut­ab­nah­me. Die Mahl­zei­ten wer­den, Coro­na-bedingt, in zwei Grup­pen ein­ge­nom­men. Das Früh­stück um 8 Uhr und um 8.45 Uhr. Ich brau­che mor­gens mei­ne Zeit. Da bin ich sehr froh, dass ich immer in der zwei­ten Grup­pe bin. Das gilt fast noch mehr für das Abend­essen um 17.45 Uhr statt um 17 Uhr.

10 Uhr Arzt­ter­min, 12 Uhr Kör­per­the­ra­pie. Dass sich mal jemand um mei­ne Fuß­re­flex­zo­nen küm­mert, kann­te ich bis­her noch nicht. Erst recht nicht fast 45 Minu­ten. Des­halb wuss­te ich auch bis­her nicht, wie gut das tut. Als ich hin­aus­ge­he bin ich etwas unsi­cher, habe dann aber doch das Gefühl zwei Mil­li­me­ter grö­ßer zu sein. So bleibt es ein paar Stunden.

Mein Zim­mer­nach­bar ist ein sehr freund­li­cher Schwei­zer, Phy­sio­the­ra­peut von Beruf, unge­fähr mein Alter. Er hat eben­so Poly­neu­ro­pa­thie, aber in einem frü­hen Sta­di­um. Auch er ist in die­se Kli­nik gekom­men, weil in sei­nem Land, wie in Deutsch­land, die PNP ohne Ursa­che schul­me­di­zi­nisch nicht behan­delt wird.

Als ich abends zum Essen gehe (es gibt Fal­a­fel mit Dip) mer­ke ich, dass ich zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit mei­ne Füße wie­der ein wenig abrol­len kann. Ich las­se klamm­heim­lich mei­ne Fuß­re­flex­zo­nen-Mas­seu­rin mit einer klei­nen Ehren­run­de hoch­le­ben. Auch das bleibt zwar nur einen Abend, aber es ist für den Ein­stieg ein unglaub­lich gutes Gefühl, zu bemer­ken, da geht schein­bar noch was.

Mitt­woch, 9. Novem­ber 2022

Let’s talk about Dekokt. Die wesent­li­che TCM-Medi­zin sind in der Kli­nik am Stei­ger­wald die soge­nann­ten Dekok­te, aus Heil­pflan­zen her­ge­stell­te Auf­güs­se. Jede Pati­en­tin und jeder Pati­ent bekommt davon täg­lich zwei Ther­mos­kan­nen, eine vor‑, die ande­re nach­mit­tags, die dann in klei­nen Por­tio­nen aus­ge­trun­ken wer­den soll. Brrrrh, chi­ne­si­sche Heil­pflan­zen, kann das schme­cken? – Na ja, etwa so wie ein halb­wegs ange­neh­mer Kräu­ter­tee. Also, es geht … und wenn man sich dran gewöhnt hat, geht’s sogar ganz gut. Übri­gens, wenn ein Dekokt über­haupt nicht schmeckt, ent­hält er wahr­schein­lich die fal­sche Medi­zin (Heil­pflan­zen). Ich habe mich anfangs schwer damit getan, jeweils die­sen knap­pen hal­ben Liter pro Fla­sche zu trin­ken. Es war mir ein­fach zuviel, aber ich habe mich auch dar­an gewöhnt.

Heu­te Nach­mit­tag bekam ich die ers­te Akku­punk­tur mei­nes Lebens. Je eine Nadel in Hän­de, Unter­schen­kel und Füße. Sie sol­len, sagt mei­ne Ärz­tin, eine beru­hi­gen­de und ent­span­nen­de Wir­kung haben. Das hat wohl funktioniert …

 

Don­ners­tag, 10. Novem­ber 2022

Stell Dir vor, Du gehst in der TCM-Kli­nik zum Früh­stück und die ers­te Fra­ge, die Dir gestellt wird, ist: „Möch­ten Sie Tee oder Kaf­fee?“ – Wie bit­te, Kaf­fee? „Na ja“, lau­tet die Ant­wort, „es ist Lupi­nen-Kaf­fee.“ – „Ach“, murm­le ich vor mich hin, „den rich­ti­gen Kaf­fee gibt’s ver­mut­lich nur für’s Küchen­per­so­nal.“ Sie hat Humor, grinst und holt mir das ange­sag­te dunk­le Getränk.

Über­haupt, mit mei­nen Krü­cken bin ich hier pri­vi­le­giert. Soweit ich bis­her sehen konn­te, bin Ich aktu­ell der Ein­zi­ge mit sol­chen Gerät­schaf­ten. Ich wer­de des­halb an den Tischen plat­ziert, die für Per­so­nen mit Roll­stuhl und Rol­la­tor reser­viert sind – und ich wer­de bedient. Alle ande­ren Pati­en­ten bedie­nen sich selbst an Büffets.

So kam ich schon am Diens­tag zum ers­ten Hir­se­brei-Früh­stück mei­nes Lebens. Die Küchen­frau, eben­so freund­lich wie patent, frag­te mich schon am ers­ten Tag, was ich denn früh­stü­cken woll­te. Als ich mich etwas rat­su­chend umsah, nahm sie die Sache in die Hand: „Ich mache Ihnen mal eine Pro­bier-Por­ti­on.“ Dann brach­te sie ein Schäl­chen mit (lau-)warmem Hir­se­brei, dar­über etwas Apfel­brei und ein paar Früchte.

Das ist schon eine hef­ti­ge Umstel­lung für jeman­den, der wochen­tags an selbst­ge­ba­cke­nes Brot und an den Wochen­en­den an Bröt­chen zum Früh­stück gewöhnt ist. Also gut, ich hab’s gelöf­felt. Und, ja, es schmeckt sogar. Es ist halt unge­wohnt, die ers­ten zwei­mal. Heu­te ist es das drit­te Mal und es geht schon. Es kann schließ­lich nicht schlecht sein, wovon sich wei­te Tei­le der Welt­be­völ­ke­rung ernähren.

Übri­gens gön­ne ich mir nach dem gelöf­fel­ten Schäl­chen noch zwei ganz ein­fa­che Schei­ben Voll­korn­brot, nur mit But­ter. Mhmm … Es gibt auch Mar­me­la­de, Honig und Auf­stri­che. Die pro­bie­re ich sicher spä­ter mal.

Frei­tag, 11. Novem­ber 2022

Langsam bekom­men die Abläu­fe hier auch für mich etwas Nor­ma­les. Das zeigt sich viel­leicht auch dar­in, dass ich heu­te mor­gen tie­fen­ent­spannt erwach­te und es beim Blut­druck­mes­sen auf einen Traum­wert von 100 zu 60 brach­te. In jun­gen Jah­ren, als ich noch regel­mä­ßig Sport mach­te, war das kei­ne Sel­ten­heit, aber so beru­hi­gend nied­rig war der Wert wohl schon seit Jahr­zehn­ten nicht mehr.

In der Kör­per­the­ra­pie gab es heu­te etwas Neu­es, die ers­te Tui­na-Mas­sa­ge mei­nes Lebens. Ich geb’s zu, ich muss­te die The­ra­peu­tin auch erst fra­gen, was sie da macht. Sie erklärt es als Tech­nik, bei der sie durch Drü­cken und Grei­fen ent­lang der Kör­per­me­ri­dia­ne vor­han­de­ne Blo­cka­den auf­lö­sen und die Ener­gien wie­der zum Flie­ßen brin­gen will. Sie sagt, sie wen­de eine sanf­te Form von Tui­na an. In Chi­na wür­de es manch­mal deut­lich rup­pi­ger prak­ti­ziert. Mir gefällt das Sanfte.

Als ich mich, wie immer, recht wacke­lig von der Mas­sa­ge­le­ge erhe­be, stellt sich die The­ra­peu­tin recht nahe vor mich hin und sagt, sie wol­le kon­trol­lie­ren, wie weit ich mich auf­rich­ten kön­ne. Ich ver­su­che es und schaf­fe es zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit zu Ste­hen, ohne dabei in die Knie zu gehen. Bes­ser noch, ich ste­he da noch immer wacke­lig, aber ziem­lich auf­recht und mit durch­ge­drück­ten Knien. – Dann grei­fe ich mir wie­der mei­ne Krü­cken und stak­se ver­spä­tet zum Mit­tag­essen. Es gibt Tages­sup­pe und Polen­ta mit Boh­nen. Für den Erfolg hät­te es schon etwas fest­li­cher sein dürfen.

Sams­tag, 12. Novem­ber 2022

Es ist Sams­tag und auf mei­nem Ter­min­plan für heu­te steht … Nichts. Abso­lut Gar nichts. – Natür­lich könn­te man jetzt auf die Idee kom­men, das lie­ge an der Wochen­end­pau­se des Kli­nik­per­so­nals. Das ist aber wohl nur die hal­be Wahrheit.

Ich bin am Mon­tag hier ange­kom­men und habe eigent­lich spä­tes­tens seit Diens­tag das Gefühl in eine ganz ande­re Welt gera­ten zu sein. Der ulti­ma­ti­ve Beweis dafür ist für mich, dass ich am Mitt­woch­mor­gen die Nach­richt bekam, Armi­nia Bie­le­feld habe am Vor­abend 2:0 in Pader­born gewon­nen. Das Spiel hat­te ich total ver­ges­sen. Ich, als Armi­nen-Fan. Zuhau­se wäre mir das nicht passiert.

Aber ich ver­pas­se nicht nur solch ent­schei­den­de Ereig­nis­se. Ich habe seit Sonn­tag kaum oder gar nicht zur Kennt­nis genom­men, was über­haupt in der Welt pas­siert. Sonst könn­te ich mir kei­nen Tag vor­stel­len, ohne über Poli­tik, Welt­ge­sche­hen und manch­mal auch Gos­sip infor­miert zu sein. Hier ist es, als mach­te das Leben eine Voll­brem­sung. Ich bin aus­ge­stie­gen und ste­he im Wald, im Steigerwald.

Tags­über bin ich unter­wegs, drei­mal Essen, Arzt­ter­min, Kör­per­the­ra­pie, Akku­punk­tur und Sons­ti­ges. Mit mei­nen stak­si­gen Krü­cken strengt mich das ganz schön an. Der Dekokt bringt den Kör­per auch inner­lich in Bewe­gung. Das mer­ke ich. Des­halb schla­fe ich tags­über häu­fi­ger. Ja, und was ist mit Fern­se­hen? – Das letz­te was ich sah, war der Tat­ort am Sonn­tag. Ein Lang­wei­ler mit blö­der Geschich­te. Hier gibt es einen Fern­seh­raum. Den habe ich aber bis­her noch nicht gese­hen. Es fehlt mir nicht. Ich lese viel, gehe um 22 Uhr ins Bett, lese dann noch etwas wei­ter und schlum­me­re dann weg.

Ich beschrei­be das des­halb so aus­führ­lich, weil ich glau­be, dass hier die Voll­brem­sung des All­tags zum Pro­gramm gehört. Es könn­te der Ein­druck ent­ste­hen, es sei vor allem die Kör­per­the­ra­pie, die für Ver­än­de­run­gen und Fort­schrit­te sorgt. Das wäre zu kurz gedacht. Ärzt­li­che Behand­lun­gen, The­ra­pien, Medi­zin (Dekok­te) und die tota­le Ruhe bil­den ein >Gesamt­kunst­werk<.

Sonn­tag, 13. Novem­ber 2022

Der Sams­tag war ein wenig text­las­tig. Des­halb heu­te ein bild­schö­ner Sonn­tag. Der begann natür­lich mit Hir­se­brei, aber auch mit einem ech­ten gekoch­ten Ei, einem ech­ten Bröt­chen … und ech­tem Lupi­nen­kaf­fee. Es folg­te ein Arzt­ter­min und Akku­punk­tur.  Und dann der Blick nach draußen.

Es scheint ein bild­schö­ner Tag zu wer­den und von hier hat man eine sehr schö­ne Aus­sicht. Die Kli­nik liegt im Wald, ober­halb eines Wein­bergs. Dar­un­ter liegt wei­tes Land. Heu­te mor­gen lag es, wie häu­fig in die­sen Tagen, fast völ­lig unter einer Wolkendecke.

Die Aus­sicht erin­nert ein wenig an den Blick, den Her­for­der vom Restau­rant Stein­mey­er ken­nen. Nach links, wo dort das Her­manns­denk­mal zu sehen ist, fin­det man hier den Spes­sart und sei­ne Aus­läu­fer. Wo man von Her­ford aus die Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge in Hee­pen fin­det, gibt es hier die Kühl­tür­me und das Reak­tor­ge­bäu­de des AKW Gra­fen­rhein­feld. Und rechts, etwa wo man von Stein­mey­er aus Jöl­len­beck ver­mu­tet, fin­det sich hier die Metro­po­le Schwein­furt. (Übri­gens: wenn man die Fotos auf einem Lap­top oder Com­pu­ter anklickt, wer­den sie <groß<. Nicht meckern; Ich habe die Bil­der aus der Hand foto­gra­fiert und jeweils zwei auf die Schnel­le zusammengefrickelt.)

Mon­tag, 14. Novem­ber 2022

Wollen Sie noch eine Akku­punk­tur?“, frag­te mich der Ober­arzt am Ende des heu­ti­gen Arzt­ter­mins. Er hat­te die­sen ver­tre­tungs­wei­se über­nom­men, da mei­ne Ärz­tin krank war. Mir war der außer­plan­mä­ßi­ge Ter­min  „an der Nadel“ sehr recht, denn heu­te mor­gen war ich gar nicht gut drauf. Hier zwick­te es, da zwack­te es und an den unte­ren Gelen­ken tat’s sehr hef­tig weh. Ich beweg­te mich (mal wie­der) wie ein Greis. Der Ober­arzt hör­te sich mein Kla­gen an und erklär­te die Pro­ble­me vor allem dann damit, dass durch die Behand­lung halt vie­le Din­ge in mei­nem Kör­per in Bewe­gung gebracht wor­den sei­en. Da sei es völ­lig nor­mal, wenn sich die Gelen­ke jetzt mel­de­ten. Er schlug vor, mei­nen Dekokt ein wenig zu ver­än­dern und bot dann die zusätz­li­che Akku­punk­tur an. Sie half nicht sofort, aber über den Tag wur­de es ein wenig leichter.

Kurz vor Fei­er­abend dann ein Ter­min bei der Kör­per­the­ra­pie, den ich nicht so schnell ver­ges­sen wer­de. Ich könn­te mei­ne Socken heu­te anlas­sen, hat­te die The­ra­peu­tin gesagt. Sie wol­le sich um mei­ne Rück­sei­te küm­mern, dafür soll­te ich mich nor­mal auf die Behand­lungs­lie­ge legen. Heu­te gin­ge es ihr um das The­ma Gren­zen spü­ren und Gren­zen erwei­tern, vor allem um die Stär­kung mei­nes Rückens. Das ist für mich eine sen­si­bles The­ma, denn ich habe einen Mor­bus Bech­te­rew. Mei­ne Wir­bel­säu­le ist, bis auf den Über­gang zum Kopf, knö­chern versteift.

Vor 34 Jah­ren hat­te ich sogar eine Auf­rich­tungs-OP, bei der die Wir­bel­säu­le durch 20 Schrau­ben, 40 Mut­tern und zwei Gewin­de­stan­gen wie­der auf­ge­rich­tet wur­de. Flap­sig gesagt, da bewegt sich nicht mehr viel, was gestärkt wer­den kann – hat­te ich gedacht. Sie fuhr mit einer Hand auf mei­ner rech­ten Sei­te an der Hüf­te unter den Kör­per. Es fühl­te sich an, als woll­te sie mit ganz leich­ten Bewe­gun­gen „das Gebiet absu­chen,“ Psy­cho­to­nik hie­ße, was sie da mache. Es gin­ge dabei um „Gren­zen spü­ren und Gren­zen erwei­tern“. Das Ziel sei, auf Mus­keln, Atmung und Gewe­be ein­zu­wir­ken. „Das Gewe­be ist wie eine Kat­ze. Die zeigt auch, wenn sie gestrei­chelt wer­den will.“ – Ich mach’s kurz, als sie an mei­nem rech­ten Fuß ange­lengt war, fühl­te ich mich auf der rech­ten Sei­te wei­cher, wär­mer und fünf Zen­ti­me­ter grö­ßer, als auf der ande­ren Körperhälfte.

Und links? – Dort fand sie im Bereich Steißbein/Hüfte eine Regi­on, die mir vor Schmer­zen fast den Atem nahm. Dort sind offen­bar in gro­ßem Aus­maß Span­nun­gen vor­han­den, die ich vor­her nie bemerkt habe. Es wird Zeit brau­chen, hier für Erleich­te­rung zu sor­gen. Als sie auch hier am Fuß ankam, war ich wie­der zu Atem gekom­men und auch gefühlt wie­der gleich groß.

Diens­tag, 15. Novem­ber 2022

Im War­te­be­reich für die Kör­per­the­ra­pie, eigent­lich nur ein etwas brei­te­rer Flur, gibt es hier eine sehr schö­ne Spie­le­rei, an der ich nie vor­bei­kom­me, ohne … Ein klei­ner Sand­kas­ten in der Grö­ße von 40 cm x 30 cm mit ein paar Stei­nen und einer klei­nen Har­ke dar­in, mit der sich immer neue Mus­ter und For­men in den Sand zeich­nen lassen. 

Natür­lich ist alles in die­sem Sand­kas­ten ver­gäng­lich. Schon vom nächs­ten Vor­bei­kom­men­den kann ein neu­es Mus­ter gezeich­net wer­den. Aber wann haben wir im All­tag schon ein­mal die Chan­ce, ein­fach nur aus Spaß, klei­ne Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Ich spie­le mit dem Gedan­ken, wenn ich ein wenig gesün­der wie­der hier ent­las­sen wer­de, mir eine sol­che Spiel­ecke im Bas­tel­kel­ler daheim selbst zu bauen.

Ein wenig erin­ner­te mich der Sand­kas­ten sofort an das Lied “Beach­com­bing” von Mark Knopf­ler und Emmy­lou Har­ris. Das Käm­men des der Strän­de ist bekannt aus vie­len Urlaubs­or­ten an der See, wo mor­gens die hin­ter­las­se­nen Abfäl­le der Tou­ris­ten und nach der Flut die ange­spül­ten Hin­ter­las­sen­schaf­ten der See weg­ge­harkt werden.

Ab heu­te gibt es mor­gens einen neu­en Dekokt (nach­mit­tags bleibt’s beim alten). Sei­ne Wir­kung bleibt abzu­war­ten. Er schmeckt „gesun­der“, das heißt etwas mehr nach Kräutern.

In der Kör­per­the­ra­pie stand wie­der Tui­na auf dem Pro­gramm und ich bin wirk­lich unglaub­lich beein­druckt von der Kom­pe­tenz und Arbeit der Frau­en. Es arbei­tet schein­bar nur weib­li­ches Per­so­nal in die­sem Bereich. Auch als ich hier nach etwa 45 Minu­ten wie­der auf­stand fühl­te ich mich wie­der eini­ge Zen­ti­me­ter grö­ßer und konn­te deut­lich auf­rech­ter ste­hen. Mei­ne Schmer­zen, vor allem im Bereich der lin­ken Hüf­te sind unter ande­rem wohl durch Mus­kel­ver­kür­zun­gen infol­ge von Schon- und Fehl­hal­tun­gen entstanden.

 

»Wal­des­ruh«

Manch­mal schreibt das Leben schon sehr über­ra­schen­de Geschich­ten. In den ver­gan­ge­nen Wochen habe ich mich beruf­lich sehr inten­siv mit der Grün­dungs­ge­schich­te der Fir­ma Kugel­fi­scher in Schwein­furt beschäf­tigt. Irgend­wann war dann klar, dass ich zur Behand­lung mei­ner Poly­neu­ro­pa­thie in die Kli­nik am Stei­ger­wald gehen wer­de. Ein paar Tage spä­ter ent­deck­te ich, dass die Kli­nik in den 1990er Jah­ren durch Um- und Aus­bau mit erheb­li­chen Erwei­te­run­gen aus einem ehe­ma­li­gen Erho­lungs­heim für Beschäf­tig­te der Fir­ma Kugel­fi­scher ent­stand. Das Heim trug den Namen »Wal­des­ruh«, wie die Stra­ße die heu­te durch den Wald zur Kli­nik führt. Das Foto oben ent­stand in den Jah­ren um 1960.

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