Nachspiel:

Die Geschich­te Her­mann Abkes ist erschüt­ternd. Sie macht sprach­los — vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass sei­ne Fami­lie über sieb­zig Jah­re lang kei­nen Ort wuss­te, wo ihr Ehe­mann und Vater, um es in den Wor­ten der Zeu­gen Jeho­vas aus­zu­drü­cken, „sei­nen irdi­schen Lauf been­det hat”. Es war völ­lig unbe­kannt, ob und, falls ja, wo Her­mann Abke beer­digt wur­de. An die­sem Punkt der Spu­ren­su­che hat sich etwas sehr Wich­ti­ges geändert. 

 

„Es wird Ihnen mit­ge­teilt …“. Mit die­sen dür­ren Wor­ten beginnt ein Schrei­ben, mit dem „Der Ober­reichs­kriegs­an­walt“  am 20. Juli 1944 Marie­chen Abke in vier­ein­halb Schreib­ma­schi­nen­zei­len wis­sen lässt, was sie ver­mut­lich seit fast einem Monat befürch­tet hat­te. Näm­lich, dass ihr Mann zum Tode ver­ur­teilt wur­de, „und dass die­ses Urteil am 17.7.1944 voll­streckt wor­den ist.“

Mehr erfährt  die Frau, die vom Regime zur Wit­we gemacht wur­de, nicht. Auch nicht, wo sich das Grab ihres Man­nes befin­det. Es folgt das elen­de War­ten auf das Kriegs­en­de, anschlie­ßend der täg­li­che Kampf ums Über­le­ben danach. Als Mut­ter drei­er klei­ner Kin­der muss sie die­sen Kampf ohne ihren Mann führen.

Knapp zwei Jah­re spä­ter erhält sie vom „Office of Mili­ta­ry Government“, der zen­tra­len Ver­wal­tungs­be­hör­de der alli­ier­ten Besat­zungs­mäch­te eine unschein­ba­re Post­kar­te mit der offi­zi­el­len Mit­tei­lung, die „Ster­be­fall­an­zei­ge“ für ihren ermor­de­ten Ehe­mann sei nun auch offi­zi­ell dem Her­for­der Stan­des­amt mit­ge­teilt wor­den. Was belang­los klingt, ist durch­aus wich­tig. Immer­hin kann sie sich nun eine offi­zi­el­le Todes­ur­kun­de aus­stel­len lassen.

Und Marie­chen Abke erhält eine Bestä­ti­gung ihrer Unge­wiss­heit. Die Grab­la­ge ihres Man­nes, so heißt es auf der Kar­te wei­ter, sei „unbe­kannt“. Her­mann Abke ist ver­schwun­den ins Nichts. Die damals fünf­jäh­ri­ge Lydia Abke erin­nert sich 2019: „Wir haben immer ange­nom­men, dass sie ein­fach alle in ein Loch geschmis­sen wur­den, da sie ja als Fein­de der Regie­rung ange­se­hen wurden.“

Jahr­zehn­te mit deut­scher Tei­lung und Kal­tem Krieg fol­gen. Als ich im Jahr 1990 erst­mals ver­such­te, Her­mann Abkes Schick­sal zu recher­chie­ren, wen­de­te ich mich auch an die Stadt­ver­wal­tun­gen in Tor­gau und Hal­le. Ein Jahr nach dem Mau­er­fall war die direk­te Nach­fra­ge mög­lich. Die Ant­wor­ten bestan­den jedoch aus Ach­sel­zu­cken. An bei­den Orten, so teil­te man mir mit, gäbe es kei­ne Hin­wei­se auf Her­mann Abke.

Die Lüge auf der Kar­tei­kar­te: Obwohl Her­mann Abke mit dem Fall­beil hin­ge­rich­tet wur­de, hielt man einen Tag spä­ter auf einer Kar­tei­kar­te im Stan­des­amt Halle/Saale fest: „plötz­li­cher Herz­tod — Atemstillstand“.

Als ich gegen Ende 2016 gebe­ten wur­de, sei­ne Geschich­te noch ein­mal öffent­lich vor­zu­tra­gen, habe ich die Recher­chen trotz­dem noch ein­mal auf­ge­nom­men.  Und sie­he da, im Stan­des­amt Halle/Saale war inzwi­schen eine Kar­tei­kar­te auf­ge­taucht. Einen Tag nach der Ermor­dung mit dem Fall­beil hat­te man dar­auf Abkes wah­re Todes­ur­sa­che ver­tuscht. Dort hieß es: „plötz­li­cher Her­tod – Atemstillstand“.

Aller­dings waren in den Jah­ren nach der Öff­nung des „Eiser­nen Vor­hangs“ auch ganz ande­re Quel­len nach und nach zugäng­lich gewor­den. Im Natio­na­len Mili­tär­ar­chiv in Prag waren Akten des ehe­ma­li­gen Reichs­kriegs­ge­rich­tes auf­ge­taucht. Die Nazis hat­ten ver­sucht, sie von Tor­gau aus in den Süden zu ver­le­gen. Tsche­chi­sche Par­ti­sa­nen hat­ten den Trans­port auf­ge­hal­ten.  So geriet das Mate­ri­al, dar­un­ter auch Abkes Todes­ur­teil, nach Prag.

Ehren­feld für die ermor­de­ten Opfer des Nazi-Regimes auf dem Ger­trau­den­fried­hof in Halle/Saale.

Eine wirk­li­che Über­ra­schung ist es jedoch, dass inzwi­schen auch Her­mann Abkes Grab aus­fin­dig gemacht wer­den konn­te. Ein Urnen­grab. Es befin­det sich auf dem Ger­trau­den­fried­hof in Hal­le in einer Art Ehren­feld für NS-Opfer.

Es war für bei­de Sei­ten nicht ganz ohne Emo­tio­nen, als ich die­se Infor­ma­ti­on an Her­mann Abkes Kin­der wei­ter­ge­ge­ben habe.

Grabstein Hermann Abke

Der Grab­stein für Her­mann Abke auf dem Ger­trau­den­fried­hof in Halle/Saale.

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4 Kommentare

  1. Eine wirk­lich sehr bewe­gen­de Geschich­te, lie­ber Die­ter Bege­mann, ganz gro­ßes Lob für die­se Recher­che und die­se infor­ma­ti­ve Web­site! Vie­le Grüße!

    • Herz­li­chen Dank für die freund­li­chen Wor­te, lie­ber Peter Bubig. Es freut mich natür­lich sehr, wenn mei­ne Inter­net-Sei­te und ihre Geschich­ten sol­che Aner­ken­nung fin­den. Vie­le Grü­ße zurück!

  2. Ich bin sehr froh, dass Herr Bege­mann mit Erfolg nach dem Grab und dem genau­en Umstand des Todes von Her­mann Abke geforscht hat. Für die Fami­lie bzw. die Kin­der ist es doch ein Trost end­lich wenigs­tens das Grab ihres Vaters zu ken­nen . Auch wenn ich zur Nach­kriegs­ge­nera­ti­on gehö­re, schä­me ich mich für die unvor­stell­ba­ren Schre­ckens­ta­ten des NS-Regimes. Beson­ders füh­le ich mich hier mit Lydia Abke und ihrer Fami­lie verbunden.

  3. Ein trau­ri­ges Schick­sal. Die Umstän­de erschüt­tern mich.
    Vie­len Dank für die­se akri­bi­schen Recherchen.

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